Magazin für moderne Eltern
Empfohlene Bücher, Spielzeug, Kinderfahrräder uvm.

Kindertheater fördert den Nachwuchs

Schneekönigin Kindertheater Förderung Freizeitaktivitäten

Theater ist gesund für Kinder. Es tut ihrer Seele gut, schult die Wahrnehmung und fördert die Sprachentwicklung. Aber das ist längst nicht alles. Theater trägt zur Persönlichkeitsbildung seines Publikums bei, indem es die Facetten des Menschseins hautnah miterleben lässt.

Theater ist Leben pur, und zwar leibhaftiges Leben. Es regt Kinder (und Erwachsene) zum Nachdenken an, schult ihre Wahrnehmung, lässt sie intensiv das Geschehen auf der Bühne miterleben und lässt ihrer Phantasie freien Lauf. Theater ist aber auch Genuss für die Seele. Warum das so ist? „Wir leben in einer Zeit, die von Effizienz, Rationalität, Logik und Ökonomie durchdrungen ist“, sagt Kay Wuschek, Intendant vom „Theater an der „Parkaue – Junges Staatstheater Berlin“, das im Jahr rund vierzig Stücke für alle Altersgruppen von der 1. Klasse bis zum Oberstufenzentrum auf die Bühne bringt. Es ist das größte und einzige staatliche Kinder- und Jugendtheater in Deutschland. „Im Theater erleben Kinder einen Moment, in dem dies mal keine Rolle spielt. Denn Kunst spielt mit dem Unsinn und Anderem.“

Sich im Spiegel sehen

Ganz entscheidend für die Persönlichkeitsbildung seines jungen Publikums ist das Theater, weil es sich mit der Frage des Menschseins auseinandersetzt. „Die Theaterwelt ist dreidimensional, es sprechen und bewegen sich echte Menschen und keine Bildschirmschatten mit elektronisch erzeugter Sprache aus Lautsprechern. Kinder erleben gemeinsam die Szenen ihres Alltags, sie sehen sich in einer Art Spiegel und können vielleicht begreifen, warum sie so unglücklich sind, warum sie auf der Schattenseite leben und wie vielleicht Lösungen auch für sie persönlich aussehen“, sagt Dr. Brigitte Dietz, Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). In den Theaterstücken erleben Kinder, wie Menschen ihre unterschiedlichen Interessen vertreten, wie sie dafür kämpfen, siegen und natürlich auch Niederlagen erleben. „Auf der Bühne stehen echte Menschen, die Spiegelbild unserer eigenen Hoffnungen, Fatalitäten, Absurditäten, Irrtümer und Leidenschaften sind“, so Kay Wuschek. Dabei hat das Leben auf der Bühne keine Konsequenzen, es bleibt ein Spiel. Der Theaterregisseur und Dramaturg erzählt von Kindern unter den Zuschauern, die während der Vorstellung aufgeregt aufspringen und rufen: „Mama, die sind ja echt!“ „Die haben bislang nur Fernsehen geschaut“, sagt der Intendant. „Kunst ist zu allererst Raum für Erfahrung“, erklärt Kay Wuschek und führt als Beispiel die Neuinszenierung von „Die Schneekönigin“ an, einem Märchen des dänischen Dichters Hans Christian Andersen über Blumen, die im Winter blühen und darüber, dass das Böse oft so schön ist. Es ist auch ein Märchen darüber, sich furchtbar irren zu können und von einem Menschen, der einen liebt, gerettet zu werden. So macht sich Gerda auf den Weg, um ihren Spielgefährten Kai aus den Fängen der Schneekönigin zu befreien, die ihn verzauberte und sein Herz zu Eis gefrieren ließ. Ihre Tränen um ihn, der sie, als sie ihn schließlich findet, nicht einmal mehr erkennt, lassen sein Herz schmelzen. „Das ist die Metapher übers Menschsein schlechthin“, sagt Intendant Wuschek. In dem vielschichtigen Märchen erleben die kleinen Zuschauer Wärme und Kälte, Macht, Mut und Angst und wie sie mit den mächtigen Gefühlen umgehen können. Das Besondere der Neuinszenierung im „Theater an der „Parkaue – Junges Staatstheater Berlin“: „Bei uns wird die Schneekönigin von einem Mann gespielt.“ Die Zuschauer könnten diese nicht auf den ersten Blick einem Geschlecht zuordnen, in einer Szene wachse sie plötzlich fünf Meter hoch, in einer anderen singe sie mit einer Tenorstimme. „Die Kinder erfahren, dass nicht alles im Leben minus oder plus ist, schwarz oder weiß, sondern dass die Welt bunter ist, als sie glauben.“

Die Sprache lebt

Theater ist prinzipiell für Kinder ab etwa drei Jahren geeignet, wobei es sich für die Kleinen eher um Performances handelt, als um Erzählungen. Bei den Kleinsten geht es in erster Linie um die Entdeckung von Farben oder Geräuschen. Das „Theater an der „Parkaue – Junges Staatstheater Berlin“ bietet Stücke für Kinder in einem Alter ab vier Jahren an. Theater schult die Wahrnehmungen der Kinder, wie Hören, Sehen und Beschreiben. „Es lässt sie außerdem die gesellschaftlichen Verkehrsformen erfahren“, beschreibt Kay Wuschek den Lerneffekt des Theaters für Kinder. Dazu kommt: „Als Kinder- und Jugendärzte haben wir in unseren Praxen heute vielfach nicht mehr mit den klassischen ,Kinderkrankheiten‘ zu tun, sondern mit den so genannten neuen Morbiditäten: mit sozial bedingten Entwicklungsstörungen, vor allem Sprachstörungen“, erklärt Dr. Brigitte Dietz, Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Mit Logopädie lassen sich diese Entwicklungsstörungen nicht heilen. Die Kinder sind ja gesund. Hilfe gibt es nur durch Entwicklungsanregung.“ Im Sprechakt des Theaters jedoch lebt die Sprache. Im Zusammenklang von Wort, Gestus und Tonfall erleben Kinder, wie nuancenreich Sprache sein und wie viel man mit ihr entsprechend sagen kann. In einem Puppentheater identifizieren sich die Kinder mit den Puppen, die mehr können als ein Mensch. „Sie bedienen die omnipotenten Träume von Kindern“, sagt Kay Wuschek, „Kinder spinnen, träumen und spielen anders, das ist ja das Großartige.“

Ute F. Wegner

Theater auf Rezept

Seit 2009 gibt es inzwischen das Projekt „Theater auf Rezept“ unter der Schirmherrschaft von Peter Maffay, an dem bundesweit verschiedene Theater teilnehmen. Kinder erhalten von ihrem Arzt bei der U10, U11 Und J1 kostenlose Gutscheine für den Besuch eines der Theater, wenn sie zu den Vorsorgeuntersuchungen erscheinen. Sie sollen zu einem motivieren, zu den Untersuchungen zu kommen. Zum anderen erhalten vor allem Kinder von Eltern mit kleinem Geldbeutel die Chance, ein Theater kennen zu lernen. „Ein Theaterbesuch fördert Intelligenz und soziale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen“, so Dr. Josef Kahl, Kinderarzt in Düsseldorf und Mitinitiator des Projekts.

Quellen & Infos: www.theateraufrezept.de

Kommentare sind deaktiviert.